10. September 2018

10. September 2018

Gestern war es so weit. Gestern war meine letzte Nacht mit Lotte. Wir haben uns am Abend getroffen. Ich habe es geschafft, für die Zeit für die ich mit ihr war, meine Fresse zu halten und ihr nichts von meinem Vorhaben zu erzählen. 

Es war schrecklich. Alles an ihr. Wenn ich sie sehe, will ich nicht mehr fort. Wenn sie neben mir sitzt und sich unsere Knie leicht berühren, will ich nicht mehr fort. 

 

Aber ich muss. 

 

Als sie gestern kam, saß ich mit ihr auf der kleinen Mauer auf meiner Terrasse und wir haben gemeinsam beobachtet, wie die letzten Sonnenstrahlen langsam den Berg hochklettern. Als es dann dunkel war, nahm sie mich bei der Hand und wir liefen durch die dunklen Gassen. Ohne Ziel und komplett verloren. Wir hatten nur uns. Es war schön.

 

Doch dann setzte sich Lotte in einen Hauseingang und ich sah Tränen in ihren Augen. Mit brechender Stimme fing Lotte nach einer Weile an „Werther, was, wenn wir sterben. Werden wir uns wieder sehen? Wie werden wir uns gegenseitig erkennen?“ „Lotte“, sagte ich, indem ich ihre Hand in meine nahm und auch meine Augen sich langsam mit Tränen füllten, „wir werden uns wiedersehen! Hier und dort wiedersehen!“ Ich konnte nicht weiterreden. Der Knoten in meinem Hals! Und wenn ich noch mehr geredet hätte, hätte ich ihr alles erzählt von meinen Plänen.

„Ob die Toten an uns denken? Ob sie fühlen ob es uns gut geht? Ob sie wissen, dass wir jeden Augenblick an sie denken? Meine Mutter schwebt immer durch meine Gedanken. Vor allem, wenn es dunkel ist. Wenn ich alleine bin. Oder manchmal auch, wenn ich glücklich mit vielen Menschen bin. Ich muss dann immer an das Versprechen denken, das ich ihr auf dem Sterbebett gab: Dass ich auf meine Geschwister aufpasse, wie sie auf uns aufgepasst hat.“

Lotte sinkt mir ihrem Kopf zu mir und beginnt zu weinen. „Ich kann das aber nicht. Ich kann nicht für meine Geschwister die Mutter sein, die sie für mich war. Ich kann nicht. Ich versuche doch, alles gut zu machen. Ich versuche, ihnen die Mutter zu sein, die sie für mich war, aber ich kann sie nicht ersetzen. Und sie fehlt mir so sehr. Sie fehlt mir so so sehr.“ Sie sagt das. Und ich werfe mich vor ihr hin und nehme ihre Hand. „Lotte, du bist für deine Geschwister die beste Mutter. Und deine Mutter schaut dir vom Himmel zu und lächelt glücklich, weil sie weiß, dass du das schaffst.“ Lotte richtet sich auf und während sie die Tränen aus ihren wunderbaren Augen wischte, sagte sie: „Werther, es ist schade, dass du meine Mutter nicht gekannt hast. Sie hätte dich bestimmt sehr gern gehabt.“ 

Liebe erfüllt meinen ganzen Körper. 

Wir gingen langsam wieder nach Hause, weil Albert sie versprochen hat abzuholen. Als wir diesen sahen, meinte Lotte, dass sie mit mir über ihre Mutter gesprochen hat. Albert nahm sie in den Arm und meinte: “Lotte, deine Mutter wusste, dass du es schaffst. Wir haben ihr doch versprochen, dass wir zusammen glücklich werden würden. Und das war alles, was ihr wichtig war.“

 

Als ich das hörte, zerbrach mein Herz. Diesmal in tausend Teile. 

 

„Wir gehen jetzt.“ sagte sie, „Es wird Zeit.“ Sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber ich hielt sie fest. „Leb wohl Lotte“. Sie sah mich verwundert an. „Wir werden uns aber wieder sehen.“, fügte ich noch dazu.

 

Aber ich gehe. Und ich werde sie nie wieder sehen. Nie wieder.

 

Tschüss.

 

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