15. März

15. März

Ich habe keine Lust mehr. Ich knirsche mit den Zähnen. Ihr seid alle schuld! Ihr alle! Und ich. Ihr, die ihr mich gezwungen habt einen Job zu machen, den ich nicht machen wollte. Wo ich den Sinn nicht darin gesehen habe. Da, da habt ihr’s. Da habe ich’s. Damit ihr nicht wieder sagt, meine Geschichte ist zu übertrieben, habe ich alles was passiert ist, der Reihe nach und nett hier aufgeschrieben!

Der Herr A. hat uns alle zu seinem Haus am See eingeladen, um gemeinsam zu feiern. Es waren alle hohen Berater vertreten. Auch irgendwelche Sponsoren von Herrn A. Ich bin beim Essen neben ihm gesessen. Es war wunderbar, wir haben über alles Mögliche gescherzt, haben wunderbar gegessen und hatten alle Spaß. Nicht einmal der Miesepeter ist aufgefallen. 

Nach dem Essen sind wir in den großen Saal gegangen. Es hat Musik gegeben und Herr A. hat eine Rede gehalten. Ich liebe es immer, wenn er eine Rede hält. 

Dann - die Tür öffnet sich und ein Paar mit Tochter kommt herein. Ich schwöre, die Luft ist gefroren. Dame S. und ihr unterwürfiger Ehemann schreiten in den Saal. Es hätte mich nicht gewundert, wenn jemand jetzt ein Kind verflucht hätte, dass es sich an seinem 16. Geburtstag an einer Nadel stechen und sterben soll.

Aber am gewaltigsten war ihre Tochter. Ein Strich in der Landschaft, ihre Arme so dick wie mein kleiner Finger, die Nasenlöcher für alle einsehbar, weil sie vor Einbildung nur an die Decke starrte. Ihre Mundwinkel zu einem garstigen Lächeln gekrümmt, das die Augen nie erreichte.

Ich wollte gehen. Sofort! 

Doch plötzlich kommt mein Fräulein B. durch die Tür und da hab ich nicht mehr gehen wollen. Ich hab zu ihr wollen. Aber als ich ihr näher gekommen bin, habe ich bemerkt, dass sie mir gegenüber kalt war. Sie hat meinen Blick gemieden. Sie hat meine Rufe ignoriert. Sie war wie alle anderen hier. Etwas Besseres als wir einfachen Angestellten. Ich fass es nicht! Als ob sie höhergestellt wäre wegen ihrem komischen verstorbenen  Vater, nur weil sie einen Haufen Geld irgendwo rumliegen hat.

Ich wollte gehen. Und doch bin ich geblieben.

Ich wollte es meinem Fräulein B. nicht schwer machen. Also hab ich mit meinen Bekannten gesprochen. Man läuft sich beim Arbeiten ja über den Weg. Ich hab mir den ganzen Abend nichts gedacht. Bis ich plötzlich bemerkt habe, dass die Frauen miteinander zu tuscheln anfangen. Ich habe nicht bemerkt, dass die S. mit Herrn A. gesprochen hat (das hat mir danach alles Fräulein B. gesagt). Nur, dass er plötzlich vor mir gestanden ist. „Werther, es tut mir Leid. Die Gesellschaft fühlt sich durch dich gestört.“

„Alles ok. Ich bin weg.“ Und dann bin ich gegangen. 

Ich bin zum See runter gegangen. Die Sonne war gerade beim Untergehen. Als es finster war, bin ich nach Hause gefahren.

Marco hat mir noch geschrieben und gefragt, wie es war.

Ich habe ihm gestanden, dass ich mich verstoßen gefühlt habe. Dass ich nicht zu meinen Freunden passe. Dass ich mir ein Messer ins Herz jagen will. Dass ich nie zu ihnen gehören werde und ich alleine gelassen werden will.



16. März

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20. Februar 2019

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